Johan Cruyff 1948 – 2016

Rainer Metzger, 24.03.16

Hulshoff - Suurbier – Blankenburg - Krol – Haan – Neeskens – Mühren – Rep – Cruyff – Keizer: Es gibt Mannschaftsaufstellungen, die bleiben einem ein Leben lang auf der Zunge, auch wenn hier einer fehlt, den ich nicht parat hatte. Aber dieses Ajax Amsterdam hätte womöglich auch ohne Torwart gewonnen: Stuy hieß er. 1 : 0 ging das Endspiel im Europapokal der Landesmeister aus, in Belgrad fand es statt, das Datum ist der 30. Mai 1973, mehr als 90.000 Zuschauer hatten daran teilgenommen, und es war, schreibt Jonathan Wilson in seinem wunderbaren Fußballbuch, „Revolutionen auf dem Rasen“ betitelt, „sicherlich einer der klarsten Siege aller Zeiten mit nur einem Tor Unterschied“. Man spielte übrigens gegen Juventus Turin.

Es waren die Jahre, da Ajax mit der Abseitsfalle experimentierte, und es mutet in der Erinnerung ein wenig skurril an, wie sie da alle auf den einen Ballführenden zurannten, der die Kugel in seiner Panik nach vorne drosch, wo seine Mitspieler dann regelwidrig wurden. Und man übte sich im Pressing, was bei Ajax vor allem Sache von Johan Neeskens war, seiner Aggressivität und seiner Dynamik. Johan Cruyff war bei diesen Neuheiten eher unbeteiligt, wie es überhaupt oftmals schien, als nähme er nur teil, um zu deuten und zu deuteln. Plötzlich war er dann da, man wusste nicht, wo, denn er war, wenn schon präsent, dann überall. Das Innovative, das er verkörperte, bestand in dieser Einbeziehung des Systematischen, das zu einem Mannschaftssport ohnedies gehört, aber das in ihm zur Kenntlichkeit kam. Die Viererketten mit den flachen Rauten und den Doppelsechsen – derlei Zahlenspiele, von denen die sogenannte Fußballersprache heute voll ist, sind Ergebnis dieses Teamspirit, der mittlerweile weniger atmosphärisch als strategisch funktioniert.


Johan Cruyff, Foto via celeb-true.com

„Totalfußball“ nannte man seinerzeit die Art, auf dem Feld zu zirkulieren, zu rochieren und die angestammte Platzhirschmentalität zu unterwühlen. Und weil es immer schwieriger wurde, ad hoc nachzuvollziehen, was Ajax mit seiner Kommandozentrale Rinus Michels und seinem Agenten Johan Cruyff vorgab, wich man ins Gefühlige, das da Kultur heißt, aus. Man historisierte und dachte in der Raumgreifendheit an Deichbau und Landgewinnung, die die Holländer immer schon beherrschten. Man aktualisierte und baute Brücken zur Amsterdamer Provo-Szene und ihren Hausbesetzungen. Und man intellektualisierte und nahm Ajax in die Pflicht des Strukturalismus. Weil bei aller Unbekümmertheit darum, wer spricht, der Fußball dann doch ein Massenphänomen ist, bedurfte es einer Figur, die man als Solist des Kollektivs brauchen konnte. Johan Cruyff, der schmächtige Junge aus einer Amsterdamer Modellsiedlung der 20er, ließ sich also gefallen, die Paradoxie zu verkörpern. Das gilt bis heute, wo er die diversen Modellhaftigkeiten, für die der F.C.Barcelona steht, personifiziert. Dabei war ihm Rinus Michels 1971 dorthin vorausgegangen, zwei Jahre, bevor dann auch sein eindrucksvollster Spieler kam.

So steht Cruyff also auch für die diversen immer mehr anschwellenden und gern einmal peinlichen Versuche in Kulturalisierung des Fußballs. Hubert Smeets, Journalist in dessen Heimatstadt, schrieb zu Cruyffs Fünfzigstem, er wäre „der erste Spieler, der begriff, dass er ein Künstler war, und der erste, der in der Lage und willens war, die Kunst des Sports zu kollektivieren.“ Cruyff, der Performer. Nicht nur der Fußball verdankt ihm viel. Am Donnerstag ist Johan Cruyff in Barcelona 68jährig verstorben. Zu den zeitgemäßen Libertinagen, die er sich gönnte, gehörte jahrzehntelang das Rauchen.

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