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Und er heult doch zurück

Thomas D. Trummer, 21.03.16

Über die akustische Verunsicherung des Mondes

Er bereitet einigen Kopfschmerzen, anderen Schlafstörungen. Er vermag Wunderdinge, nährt Sehnsüchte, erhellt Nächte, ist magischer Ort der Liebe und vermeintlicher Goldvorkommen. Und er verlockt zu günstigen Haarschnitten. Und dennoch: Der Mond ist ein Lügner.


Filmstill: Die Frau im Mond, Regie Fritz Lang, DE: 1929

Luna mentitur. Nach lateinischer Weisheit ist der Mond ein Lügner, weil er ein C zeigt, wenn er abnimmt, und ein D, wenn er zunimmt. Die Eselsbrücke ist paradox. Denn das C steht für crescit (er nimmt zu), das D für decrescit (er nimmt ab). Doch nicht nur wegen dieser Umkehrung ist der Mond ein Wahrheitsverdreher. Er gibt sich als Bild aus. Der phänomenale Befund ist für alle Menschen gleich. Der Mond zeigt sich als Bild gibt und ist doch ein sphärischer Körper. Nur wenige unter uns Irdischen kennen seine Rundung im Vollumfang. Drei davon kamen kürzlich wieder in die Medien. Es sind die Astronauten der Apollo-10 Mission aus dem Jahr 1969. Während sie den Trabanten umkreisen, nehmen sie einen unbekannten Zuruf wahr. Es ist ein metallischer Klangbogen. Ein singende Säge aus dem All. Sie deuten ihn als Musik. Der Mond heult zurück. Die Aufnahmen, die von Nebengeräuschen übertüncht sind, sind jetzt online. Was das Exkursion für Forschungen bedeutsam macht, ist das Verständigungsloch hinter dem Mond. Eine Stunde kreisen die drei hinter seinem Rücken, auf der Kehrseite seines Bildes.


Tom Stafford, John Young und Eugene Cernan, Apollo-10 Mission, 1969

Rund vierzig Jahre davor kommt Fritz Lang just in einem Schlafwagen die Idee, einen Film über den Mondflug zu drehen, mit Raketenmodellen, die die Nazis wegen ihrer Wahrheitsnähe später konfiszieren. (Die Frau im Mond, 1929) Der Zug rattert, die Lok pfeift. Den Stummfilm mit Raketenstart begleitet das Klavier. Die Gespräche der Apollo-Raumfahrer sind mehr als schlafwandlerische Erinnerung an filmische Zukunftsbilder. Sie belegen wahrhaftige Verunsicherung. Eingeschweißt in eine Raumkapsel trauen sie ihren Ohren nicht. Sie meinen die Weltraumgesänge zu vernehmen, die Sirenen, die ihren Wagemut und seine Seinsvergessenheit quittieren. Oder handelt es sich um Hinweise auf die tönenden Planetenbewegungen der Alten? Der Mond lügt, aber auch seine Töne? Seitdem ist die Frage nach dem Umnachtungszustand der dreien im Raum und ihre Nachtfahrt im kosmischen Schlafwagen. Daneben gibt es natürlich allerlei Spekulation über ausserirdische Kontaktaufnahme. In den Raumfliegern reift ein ernsthaftes Crescendo, ein Crescit an Besorgnis, weil sich der Mond als Sonosphäre erweist, die räumlich und körperlich eindringlicher wirkt als das Bild. Der Mond teilt sich akustisch mit. Manchen ist das kein Geheimnis mehr. Schönbergs Pierrot Lunaire mit seinem ersten Abschnitt “Mondsüchtig” ist schon lange komponiert, Pink Floyds The Dark Side of the Moon noch nicht veröffentlicht. Heute weiß man, der Ursprung dieser Töne war harmlos, geschuldet einer Überlagerung von Funkwellen. Frequenzen der Täuschung, nicht der Lüge. Die drei Raumfahrer werden beim Wiedereintritt in die Atmosphäre auf fast 40.000 km/h beschleunigen. Das ist bis heute die Bestmarke an menschlich erlebter Geschwindigkeit und an möglichem Ohrensausen.

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