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Umberto Eco 1932 – 2016

Rainer Metzger, 20.02.16



Vor mehr als 35 Jahren, im Oktober 1980, war bei Bompiani in Mailand der Romanerstling von Umberto Eco erschienen. Der Autor war als Wissenschaftler und Kolumnist bekannt, als Semiotiker und Ästhetiker. Mit „Der Name der Rose“ gelang ihm ein Weltbestseller, bis heute ist das Buch über 30 Millionen Mal verkauft. Das ist zum einen kein Wunder, stellt es doch auf spannende und knallhart kalkulierte Weise eine Reihe von Verbrechen in den Raum, ist es Krimi, Schauergeschichte, Gothic Novel. Das ist zum anderen ein großes Wunder, denn das Buch quillt über von Gelehrsamkeit, es spielt im Jahr 1327 in den ehrwürdigen Mauern eines Klosters und berichtet in aller Ausführlichkeit vom Mittelalter und seinen zentralen politischen und theologischen Fragen. „Der Name der Rose“ ist zudem das Paradebeispiel an Postmoderne, es spielt im unendlichen Rekurs der Zeichen auf sich selber, in einem geschlossenen Areal der Intertextualität.

Wenn Postmoderne nichts anderes ist als Pop, die kulinarische Verschmelzung von High und Low, von E- und U-Kultur, dann war Umberto Eco einer ihrer großen Virtuosen. Nach dem wirklich hinreißenden Mönch-als-Mörder-Schocker hat er jede Menge an Belletristik nachgelegt, jeder Roman war ein Verkaufserfolg, auch wenn man den Verdacht, der sowieso von Anfang an im Spiel war, dass ein derart ausgewiesener Akademiker ein eher mäßiger Schriftsteller sein müsste, von Stück zu Stück intensiver hegte. Eco, sophisticated wie kein zweiter, wusste natürlich um diesen Mechanismus, und so verzichtete er im Erstling auf alles Biografische, das immer mit Leben sättigt, um es erst im nächsten Roman, „Das Foucaultsche Pendel“ von 1988 nachzuliefern. Dass zum Mechanismus gehört, einen Romancier von Weltrang am zweiten Buch zu messen, ließ sich dadurch nicht ungeschehen machen.

Eco konnte an seiner ungeheuren Gebildetheit nicht vorbei. „Baudolino“, 2000 erschienen, lieferte etwa ein beflissenes Vexierspiel mit den diversen künstlichen Idiomen, all den Variationen eines Esperanto in der Moderne, die der Autor bereits theoretisch in seinem „Die Suche nach der vollkommenen Sprache“ von 1993 abgehandelt hatte. Und sein 2011er „Der Friedhof von Prag“ war die marktstrategische Aufblähung einiger Abschnitte aus seinem „Im Wald der Fiktionen“ auf 500 Seiten, die dem Massenwahn von der jüdischen Weltverschwörung allerbreitesten Raum gaben.

Ecos Nachname ist seinerseits ein Kunstprodukt, sein Großvater war ein Findelkind, er war gewissermaßen vom Himmel gefallen, und dieses Ex Caelo Oblatus gab das Akronym für ein weltberühmtes Label. In Alessandria ist Eco geboren, der Stadt, aus der der Borsalino kommt, und auch darin lässt sich einiges an Erklärung für die Halbweltbegeisterung des Hochseriösen finden. Dazu kommt seine Sozialisation, es ist die obligatorische für Intellektuelle, als Quasi-Nerd, der am liebsten zuhause blieb und sich alles einverleibte, was gedruckt daherkam: „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Luana“ von 2004 hat dann nachgeliefert, was den Jugendlichen an Lesestoff besonders entzündete, gerade in den Jahren, da sein Italien, wie der Rest Europas, seine schwärzeste Epoche erlebte.

Umberto Eco war ein Intellektueller, wie er im Buche steht, er hat mit Verve auf allen Klaviaturen gespielt, in denen sich öffentliche Wirksamkeit anstimmen lässt. Jahrzehntelang hat er in L'Espresso seine „Bustina di Minerva“, seine „Streichholzbriefe“ verteilt, Stellungnahmen zu Gott und der Welt, an denen ihm, letzterer mehr als ersterem, vehement gelegen war. Und er hat das Akademische niemals hintangestellt. „Das offene Kunstwerk“, im Schlüsseljahr für die Identität bis in unsere Gegenwart, 1962, erschienen, lieferte eine Ästhetik für eine nicht mehr modernistische Kunst, die von Kommunikationstheorie gesättigt ist. Und seine Kommunikationstheorie von 1972, „Einführung in die Semiotik“, auf italienisch viel angriffslustiger „La struttura assente“ betitelt, bedeutete für diverse Generationen an Kulturstudierenden, die sich für avanciert hielten, nicht weniger als den Leitfaden.

Am Freitag ist Umberto Eco 84jährig verstorben. Er war, wie es sich gehört für einen, der mit solchen Ressourcen begabt war, ein Kämpfer, und sein Herz stand da, wo die Natur es hingestellt hat, links. Bei allem Kosmopolitismus hielt Eco es besonders mit seinem Engagement für Italien. Sein finaler Roman „Nullnummer“, 2015 erschienen, leuchtet hinein in den Journalismus und repliziert noch einmal Ecos große Themen, die auch diejenigen seines Landes sind: Verschwörungen, Freundschaften und der Überhang der Historie. Womöglich aber stand am Ende von Ecos lebenslangem Schreiben so etwas wie Versöhnung. Die Schlusspassage des letzten Buches von Umberto Eco geht, ein großes Oeuvre zusammenfassend, jedenfalls so: „Morgen ist, wie Scarlett O'Hara sagte – ich weiß, schon wieder ein Zitat, aber ich habe darauf verzichtet, in der ersten Person zu sprechen, und lasse die anderen reden – morgen ist ein anderer Tag.“

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