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Kellner, Schlagersänger und Bergarbeiter:
Mit der Manifesta auf der Suche nach der Arbeit von gestern

Es lag wohl bereits an der Anfahrt, dass ein Ausflug zur Manifesta 9 in Genk, Belgien, zu einer teils melancholischen Reise zur Vergangenheit der Arbeit geriet. Freund und Causeriekollege Vitus Weh hat an dieser Stelle bereits ausgeführt, dass «auch der Gang ins Museum sowohl eine spezifische Erwartung (...), als auch im Nachhinein eine spezifische Erinnerung erzeugt.» Wir übernehmen sein Argument und erweitern es zeitgemäß um die Anfahrt, die in diesem Fall mit dem Auto vom Flughafen Düsseldorf erfolgte. Von Düsseldorf nach Belgien also, durch das Epizentrum jenes «Former West» (1), dem man in der Kunst eine Zeit lang kaum mehr ohne die Patina aus Retro-Chic, Discofunk und Polit-Ikonographie begegnet ist.

Wohl nicht allzu chic wird die Uniform des Wienerwald-Kellners in Neuss am Rhein gewesen sein, der Ihr Schreiber war, als Ferienjobs kein symbolisches Kapital, dafür aber reales Geld brachten. Doch neben der Erinnerung brachte der endlos lange Sommer 1982 prägende Wirtschaftslektionen, wie etwa jene, dass es kein Spaß ist, mit Hochdruck Brathühner an Gäste zu verkaufen, nachdem man am Kiosk gegenüber die Bildzeitung mit der Schlagzeile «Wienerwald pleite!!!» erwerben musste. Wäre man auf der Suche nach ökonomischer Stabilität, müsste man wohl Zeitschriften verkaufen, anstatt sie mit Texten zu beliefern, denn der Kiosk ist immer noch da, während im ehemaligen Restaurant nun der nächste hypothetische Pleitekandidat, die Banco Santander, um Kunden und ihre Gelder wirbt. Unverändert dazwischen steht das Rathaus und lässt uns auf die Kontinuität des öffentlichen Sektors hoffen. Davor am Platz dominiert die Dienstleistungsbranche, deren Angebot Ihr Kolumnist nutzte, um sich – als mittlerweile «umherschweifender Produzent» (2) – den Luxus einer Pause am Weg zum zeitgenössischen Ausstellungsereignis zu gönnen.

Die Veranstaltung in Genk gab sich den Titel «The Deep of the Modern» und spielte damit darauf an, dass Genk bis in die 1980er Jahre vom Kohlebergbau in den riesigen Minenanlagen in der Umgebung geprägt war. War bei der documenta 12 «die Moderne» also noch «unsere Antike» (und die Arbeit daran gewissermaßen edle Archäologie), wurde sie für das Team unter der Leitung von Cuauhtémoc Medina nun zur Mine (und somit folgerichtig zur Arbeit). So fand die gesamte Ausstellung nicht nur im imposant-leerstehenden Zentrum der ehemaligen Waterschei Mine ihren Ort, sondern machte aus der daraus verschwundenen Arbeit auch ihr Thema. Ausstellungen können gut mit Verschwundenem umgehen. Wir könnten überspitzt formulieren, dass jetzt – wo die Arbeit verschwindet – der Moment gekommen ist, sie auszustellen.

Doch diese Kolumne ist keine Ausstellungsrezension, sondern wir wollen jener eigentümlich melancholisch-nostalgischen Stimmung nachhängen, die den Ausflug und das Projekt prägte. Was im Stadtbild von Neuss jedoch nicht möglich war, einen sensorischen Anker für Erinnerungen zu finden, funktionierte in Genk durch die Tatsache, dass drei Arbeiten der Ausstellung einen der elegantesten Soundtracks der jüngeren Ausstellungsgeschichte verschafften. So arbeitete das Previewpublikum – als Schreibende, Vermittelnde und immateriell Produzierende ja Spezialist_innen des Postindustriellen – diesmal zu den sanften Klängen einer Spieluhrversion der «Internationalen», einer Arbeit von Namanja Cvijanović, die über das gesamte Gelände übertragen wurde, ihren unaufdringlichen Charme aber daraus bezog, dass sie durch Publikumsmitarbeit in Tempo und Dauer variierte, und nur zu hören war, wenn sie in Betrieb genommen wurde. In der bereits beschriebenen milden Stimmung konnte einem auch das Sinnbild gefallen, dass es ausgerechnet die kleinste Arbeit war (für deren Rad es keinen «starken Arm» brauchte), die es schaffte, den ca. 20.000 m² großen Komplex zu füllen und die Massen zu bewegen.

Es sollte genau hier gesagt werden, dass es für die Selbstreflexion der Manifestamacher_innen spricht, dass sie in den begleitenden Katalog ausgerechnet einen langen Text zu «Nostalgia and its Discontents» von Svetlana Boym aufnahmen. Dieser sollte wohl die vermeintliche Achillesferse des Projekts absichern, was unter anderem durch die Unterscheidung von Melancholie (als etwas rein Persönlichem) und Nostalgie (als etwas teils Gesellschaftlichem) und dem Hinweis auf deren Potenzial als Veränderungstriebkraft gelang.

Der Ex-Kellner auf der Suche nach der verlorenen Zeit war ohnehin nur so lange skeptisch, wie er sich zu Beginn in den oberen Stockwerken ausschließlich mit der aktuellen Kunstproduktion befasste, deren häufiges Schürfen in den Archivminen des 20. Jahrhunderts uns wohl noch lange begleiten wird, während Impulse für morgen etwas fehlen. Doch der zweite Tag brachte die Erkenntnis, dass die Möglichkeit zur Rückschau wohl die zentrale Qualität dieser Manifesta ausmacht, weil es sich die Kurator_innen erlaubt hatten, das Format der neuigkeitsfixierten Biennale durch eine kulturhistorische Tiefenbohrung zu unterlaufen, wobei es vor allem verblüffte, wie nahtlos und stimmig die Verbindung der Sektionen sowohl visuell wie konzeptuell erfolgte, obwohl vielleicht etwas zu viel «Kohle in der Kunst» zu sehen war. «Lernen von den Künstler_innen» war hier wohl die Gestaltungsdevise der Kurator_innen, mit der es gelang, bisher unveröffentlichte Polizeiprotokolle zu einem Bergarbeiterstreik etwa im selben Raum mit dem Songtext zum Bergarbeiterklassiker «16 Tons» von Merle Travis und einer Hommage an den «Local Hero», den nach Genk eingewanderten Bergarbeitersohn Rocco Granata, zu kombinieren. Dessen «Marina», in einer feinen dezenten Fassung des mittlerweile gereiften Sängers, wurde mitunter hörbar, wenn die «Internationale» Pause machte.

Direkt darüber, in der kunsthistorischen Abteilung, umwehte Jazz von John Coltrane und Thelonius Monk die Installation «Chasing the Blue Train» von David Hammons. In den fahrenden Eisenbahnen, den sie umgebenden Kohlebergen und in der Musik mit ihrem nervösen Vorwärtsdrang schloss sich wieder der Kreis, der am Tag zuvor «On the Road» begonnen hatte. Arbeit – auch mobile und immaterielle – ist nicht zuletzt Hoffnung: Hoffnung auf die Belohnung nach dem Ferienjob «im Ausland», Hoffnung auf ökonomische Verbesserung, wie sie für die Bergarbeiterfamilie durch 10 Millionen verkaufte «Marinas» möglich war, und Hoffnung auf jene andere Welt, die nicht nur die «Internationale», sondern auch die Beschäftigung mit Kunst versprach.


(1) So der Titel eines seit 2009 laufenden internationalen Forschungs- und Ausstellungsprojekts:
www.formerwest.org

(2) Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion ist der Titel eines Standardwerks von Antonio Negri, Maurizio Lazzarato und Paolo Virno.

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