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Kunst-Stück: Boucherouite – Marokko und der Rest der Welt

Genauer gesagt: Marokko und die Reste der Welt, nämlich die Stoff- und Textilabfälle, verbal aufgewertet zu Recyclingmaterialien. Sie werden durch die Hände und Sinne von zahlreichen, tatsächlich Millionen von marokkanischen Frauen zu Teppichkreationen verwandelt, von denen einzelne unverzüglich als frappierend erfrischende, außergewöhnliche und einzigartige Kunstwerke hervorstechen. Egal, ob man traditionelle Berberteppiche vor Augen hat, angesichts dieser „Fleckerlteppiche“ ist Schluss mit „Es war einmal“, hier werden absolut aktuelle Geschichten erzählt, treffsicher, bildhaft, dynamisch und im Detail doch ganz im Geiste der Ahnen.

Was geht hier vor? Handelt es sich um Massenproduktion oder Unikate, um peinlich notdürftige Abfallverwertung oder clevere ökonomische Entscheidung, grobkörnige Handwerklichkeit, erlesene Fingerfertigkeit, unbeobachtet in sich geschlossene Formenwelt oder geschmäcklerisch der Moderne und dem sensationslüsternen Kunstmarkt sich anbiedernde Stilistik mit flashig-trashigem Knalleffekt? - Glücklicherweise liegt die Wahrheit dazwischen und ist ein Mix aus allen Varianten.

Fakt ist, dass sich in den letzten 50 Jahren in Marokko die nomadische und halbnomadische Viehzucht im Atlasgebirge zugunsten einer sesshaften Landwirtschaft geändert hat. Parallel dazu wurde die eigene Wollproduktion rar – die Basis für die wollweißen Webteppiche mit marginalen braunen oder grauen Rhombenmustern, die Berberteppiche. Teppiche für den Eigenbedarf wurden aber weiterhin hergestellt, in strenger Tradition und im klar definierten sozialen Gefüge der Weberinnen/Knüpferinnen, nur eben mit neuen Materialien. Was von den Textilzentren der Welt - Indien, China, Europa – den Farb- und Stofftrends der Modewelt entsprechend abgespult/extrudiert wurde, fand schließlich auch den Weg in entlegene Orte Marokkos: Wolle und Baumwollgarne von Alttextilien, synthetische Fasern, Nylon, Lurex…

Die Stoffe oder feine Strickwaren wurden in dünne Streifen geschnitten und zu Bändern, respektive Teppichgarn umfunktioniert. Somit kann auch Boucherouit oder Boucherwit enträtselt werden, denn das marokkanisch-arabische bu sherwit bedeutet in Streifen geschnittene, abgetragene Kleidung bzw. Stofffetzen. Man unternahm auch die Mühe, großmaschige Stricksachen aufzutrennen – die Kräuselspuren der ehemaligen Wollmaschen finden sich noch in den Knüpfteppichen (und erinnern an Teppicharten, in denen die Locken der unversponnenen Schafwolle noch erkennbar sind). Setzte diese Entwicklung schon vor den 1970er Jahren in arabisch besiedelten Gebieten um die Städte Beni Mellal und Boujad ein, so setzte sie sich ab den 1990er Jahren bei Berberstämmen in den nördlicher gelegenen Gebiet des Mittleren und Hohen Atlas fort. Gebhart Blazek, Experte und engagierter Promotor dieser Teppiche, merkt an, dass inzwischen die ehemaligen Merkmale einer Region sich verwischt haben und dieser Teppichtypus überall in Marokko zu finden ist und die lokal einengende Bezeichnung „Boujad“ eher verfälschend verwendet wird.

Keine Frage, so farbintensiv wären Berberteppiche nie geworden, würden ihre Schöpferinnen nicht an den Farbtöpfen anderer Zivilisationen und deren chemisch-technischer Errungenschaften partizipieren. Die Anordnungen, die Auswahl und Zusammenstellung im einzelnen Teppich ist dennoch einzig Entscheidung und Empfinden der Webmeisterin. Als „modern“, „postmodern“ oder einfach „cool“ oder „faszinierend“ wirken sie auf uns, wollen wir sie beschreiben, einfangen das Phänomen, mag sein zwischen unbewusster Wiedererkennung, Vertrautheit des Materials und Staunen über das so Andere, genuine des Ausdrucks (fast als ob man es wieder einmal diesen Kulturen nicht zugetraut hätte, dass sie so etwas Hippes zustande bringen). Dennoch: Nicht jeder marokkanische Teppich hat diese bestechende Prägnanz. Es bedarf eines speziell selektiven Blickes, um aus der Menge der Produktion die Meisterstücke herauszupicken.

PS.: Diese Rauten, diese banal quer liegenden Rechtecke, farbkontrastreich abwechselnd aneinander gereiht, sich auftürmend, abrupt überspringend in eine andere Formationen; diese Dreiecke, ZickZack-Linien, die sich verästeln, verlieren, auflösen; diese Flecken, Striche, fransigen Zitate, die rhythmisiert über die Fläche weitertanzen, diffus flirrend sich in Farbtönen austoben, sich in Farbbändern wälzen, seitlich wegrollen – doch, ich meine durchaus das Vokabular der alten bzw. antiken Berberteppiche zu erkennen; es ist allerdings eine aktuelle, entfesselte Ausdruckskraft und ein den Bedingungen angepasster erweiterter Erzählstil.



Gebhart Blazek / Berber carpets & textiles
Leonhardstraße 12
A - 8010 Graz
T/F: + 43 316 81 35 00
www.berber-arts.com

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