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Feministische Avantgarde - Made in Austria: Das soziale Geschlecht

Unter dem Titel „Made in Austria“ zeigt die Sammlung Verbund derzeit 80 Werke österreichischer Künstlerinnen aus den 1970er Jahren und thematisiert die künstlerische Praxis von Frauen in einem patriachalen Kunst- und Gesellschaftssystem.

Der Stromkonzern kauft seit 2004 internationale feministische Kunst für seine Kunstsammlung an und zeigt in der Vertikalen Galerie (im Stiegenhaus des Hauptsitzes) immer wieder Neuankäufe. So waren in Wien sensationelle Arbeiten von Birgit Jürgenssen, Cindy Sherman, Francesca Woodman und nicht zuletzt der österreichischen Biennale- Vertreterin 2019, Renate Bertlmann zu sehen.

Wie eine Klammer umschließen Arbeiten von VALIE EXPORT im obersten und untersten Geschoß die Werke der hier gezeigten 16 Künstlerinnen: Karin Mack, Margot Pilz, Veronika Dreier, Gerda Fassel, Florentina Pakosta, Anita Münz, Friederike Pezold, Ingeborg G. Pluhar, Lotte Profohs, Brigitte Aloise Roth, Birgit Jürgenssen, Auguste Kronheim, Brigitte Lang, Linda Christanell und Renate Bertlmann. Von acht Künstlerinnen wurden seit 2017 erstmals Werke angekauft die im Rahmen der Ausstellung in ihrer Gesamtheit gezeigt werden. Gleichzeitig tourt die internationale Ausstellung „Feministische Avantgarde“ mit Werken aus der Sammlung Verbund durch Europa und wird im Juni 2020 in New York zu sehen sein.
Mit dem Ankauf dieser Werke wurde der fotografische Schwerpunkt der Sammlung Verbund etwas aufgelockert und um Zeichnungen, Collagen und Skulpturen ergänzt.

Um die meist poetischen, oft auch grausamen Arbeiten der hier gezeigten Künstlerinnen besser zu verstehen, ist es notwendig sich die gesellschaftliche und politische Realität von Frauen und Künstlerinnen in den frühen 70er Jahren zu vergegenwärtigen. Einerseits brachte die 1968er-Bewegung ein gewisses Aufbrechen der strengen gesellschaftlichen Zwänge mit sich. Andererseits waren Künstlerinnen im öffentlichen Leben kaum sichtbar, waren nicht in Jurys oder Beiräten vertreten und wurden in Gruppenausstellungen nicht ausgestellt. (1) Hinzu kam die „ganz normale“ häusliche Unterdrückung durch die Ehemänner. Frauen war es nicht gestattet ein eigenes Bankkonto zu eröffnen oder ohne Erlaubnis des Mannes einer Arbeit nachzugehen. Weiters musste bei Scheidungen in Österreich immer noch ein Grund oder ein schuldhaftes Verhalten genannt werden.

Sehr anschaulich haben die oben genannten Künstlerinnen diese Situation der Frauen dargestellt. Birgit Jürgenssen mit ihrer Arbeit „ich möchte hier raus“ 1976 in der sie in sittsamer Bluse gekleidet Gesicht und Oberkörper gegen eine Glasplatte presst. Aber auch Künstlerinnen wie Veronika Dreier brachten die Negation des Weiblichen gekonnt auf den Punkt. In ihren Fotoarbeiten vernäht Dreier ihr fotografisches Selbstportrait bis zur Unkenntlichkeit und zeigt damit die Auslöschung der Frau als Individuum durch häusliche Tätigkeiten. Als Gegenpol und Symbol der Selbstermächtigung zeigt Dreier einen Damenschuh, der mit Nägeln besteckt ist. Dies erinnert an die Schuharbeiten von Birgit Jürgenssen aus den beginnenden 70er Jahren. Eine dieser Zeichnungen aus dem Zyklus ist ebenfalls Teil der Ausstellung.

Darum, die Last des Häuslichen abzustreifen, ging es auch Karin Mack, die erst nach ihrer Scheidung – also „dem Tod der Hausfrau“ – begann, sich künstlerisch zu entfalten. In einer schwarz-weiß Fotoserie zeigt Sie sich beim Bügeln und am Ende liegt sie aufgebahrt in schwarzes Tuch gehüllt auf dem Bügelbrett.

Um weibliche Solidarität und um Anerkennung der weiblichen Autorinnenschaft als Künstlerin ging und geht es Margot Pilz. Im Rahmen einer Ausstellung zum Maler Johann Martin Schmidt, genannt Kremser Schmidt, inszenierte sie sein Bild „Das letzte Abendmahl“ mit Freundinnen und deren Kindern. "Meine Hommage à Kremser Schmidt soll Religionsvorstellungen des Patriarchats in Frage stellen und zugleich eine Widmung an die um ihre Selbstständigkeit ringenden Künstlerinnen sein", schreibt Pilz in einem handschriftlichen Kommentar zu dieser Fotografie.

Die Selbstvergewisserung der Künstlerinnen diente zur Bekräftigung der weiblichen Identität und führte für die Protagonistinnen auch zur Gründung diverser Frauennetzwerke. 1983 gab es mit der Feminale eine große ausschließlich für Frauen gedachte Ausstellung. Wie prekär die individuelle Freiheit aber für viele verheiratete Künstlerinnen war, zeigt das Eingangsbild der Schau von Florentina Pakosta „Der Ehering und seine Folgen“ (1970), der ein en face Bild einer Frau mit abgetrenntem Kopf zeigt.

Mit dieser Ausstellung ist der Kuratorin Gabriele Schor und ihrem Team ein weiterer Schritt in der Bewusstmachung weiblicher, feministischer Kunstproduktion des 20. Jahrhunderts gelungen.

Feministische Avantgarde - Made in Austria
19.02 - 06.06.2020

Vertikale Galerie in der Verbund-Zentrale
1010 Wien, Am Hof 6a
Tel: +43 5 03130
Email: sammlung@verbund.com
http://www.verbund.com/sammlung
Öffnungszeiten: Die Ausstellung ist jeden Mittwoch um 18 Uhr im Rahmen eines kostenlosen Kunstgesprächs gegen Voranmeldung zu besichtigen.

Wir bitten um Voranmeldung unter: sammlung@verbund.com oder +43 1 50313-50044


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