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Oswald Oberhuber 1931 - 2020

Oswald Oberhuber – kaum eine andere Persönlichkeit hat das Kunstgeschehen in Wien und damit in Österreich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr und nachhaltiger geprägt als er. Als Galerist, als Ausstellungsmacher, als Lehrer, als Rektor hat er die Szene internationalisiert und dynamisiert.

Als Rektor (1979-95) revolutionierte er den Betrieb der damaligen Hochschule für angewandte Kunst, schaffte die Professur auf Lebensdauer ab und holte stattdessen Bazon Brock, Joseph Beuys oder Karl Lagerfeld u.v.a. als Gastprofessoren. Er hatte stets jeden Akademismus kompromisslos abgelehnt. Er war unbelehrbar als Schüler der Kunstgewerbeschule in Innsbruck und widerständig an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Fritz Wotruba. Als Leiter der Galerie nächst St. Stephan veranstaltete er u.a. die Ausstellung „Kunst ohne Künstler“ (1969). Er untergrub die Autorität der Signatur, erklärte den wiedererkennbaren künstlerischen Stil für obsolet und beging in Zusammenarbeit mit Beuys ein lustvolles Verwirrspiel mit der Autorschaft, verunsicherte die (selbsternannten) Spezialisten und diskutierte leidenschaftlich auf Augenhöhe mit seinen Schülern gleich wie mit Ministern. Hierarchie war für Oberhuber keine Kategorie.

Oberhuber war einer der wandlungsfähigsten Künstler überhaupt. Mit seiner von ihm proklamierten Strategie der permanenten Veränderung brachte er bis zuletzt Kunstwerke hervor, die oftmals aktueller und frischer erschienen als das Werk jüngerer Künstler*innen.

Beeindruckt von der französischen Kunst der Nachkriegszeit und Plastiken Picassos ist Oberhubers frühes Schaffen schon in Innsbruck in den 40-er Jahren auffällig. Vor allem da er Prinzipien der informellen Malerei auf die Plastik überträgt, also traditionelle Genres und ihre Grenzen nicht beachtet. Das frühe Werk bleibt lange unverstanden und geht daher großteils verloren. Gerade als das Informelle en vogue ist, wendet er sich von diesem abrupt ab. Das Entsetzen über die eigene Routine treibt ihn dazu, sich dem Gegenteiligem, dem Figurativem, zu widmen – und an seinem Manifest „Die permanente Veränderung“ zu arbeiten, das er kontinuierlich erweitert. Mitte der 50-er Jahre fängt er die losgelassene Linie wieder ein, die Kontur bleibt elementar für sein weiteres Werk. Die Abscheu vor der Wiederholung lässt ihn den Stilpluralismus in der Theorie wie in der Praxis zum Prinzip deklarieren. Er passiert aktuelle Tendenzen der Kunstgeschichte, malt wie Willi Baumeister, wie Oskar Schlemmer, Jasper Jones oder Ellsworth Kelly, mühelos und scheinbar ohne jede Anstrengung, dabei voller Respekt – und gekonnt. Kein Wunder, dass er in den 90-er Jahren der Fälschung von Beuys’ „Wiener Block“ verdächtigt wird. Vor allem aber zeichnet er wie Oberhuber, unverkennbar und bis zuletzt.

Oberhuber liebte das Erforschen und Experimentieren, als welches auch die diversen Manieren und Stile, die er probierte, zu verstehen sind. Seine Vorgangsweise war so unkonventionell wie seine Themen. Das Material ist oft die Anregung für die Bilderfindung, zahlreiche Assemblagen zeugen von Humor und Einfallskraft. Für die Biennale in Venedig 1972 stellt er auf großformatigem Tuch Geschirrtücher dar (das typische Gittermuster hatte ihn an Mondrian erinnert). 1973 schafft er ein großes Tuch „Für Kinder“, und lässt deren Hinzufügungen mitgelten. Er betrachtet Buchstaben und vor allem Zahlen wie Formen und verwendet sie ab den 50-er Jahren exklusiv und rein formal für seine „Zahlenbilder“. Zeichnungen und Malereien der 80-er Jahre zeigen eine sehr freie und individualisierte, oft farbenfrohe Mal- und Zeichenweise, auf Papier und Tuch. Er beginnt aus Karton, Papier, gefundenen Gegenständen und Farbe Skulpturen zu fertigen, die manchmal wie Architekturmodelle anmuten, fantasievolle räumliche Collagen, die er gern mit literarischen und ironischen Titeln versieht.

Oberhuber bekennt sich auch politisch. 1985 verantwortet er eine Plakatkampagne gegen Waldheims Präsidentschaftskandidatur. Im selben Jahr inszeniert er die Ausstellung „Die Verlorenen Österreicher 1918-1938“ an der Hochschule und gibt das Buch „Vertreibung des Geistigen aus Österreich“ heraus. Der Nationalsozialismus wird angeklagt, doch Österreich als beteiligtes Land nicht entschuldigt. Sein politisches Engagement und seine Tätigkeit als Rektor unterbrechen seinen Schaffensdrang nicht. Er arbeitet unermüdlich und bleibt gänzlich unberührt von jedem Pathos oder sonst so typisch österreichischem Katholizismus (wie z.B. bei den Aktionisten so prägend).

In diversen Ausstellungen in den letzten Jahren konnte man aktuellere Werke sehen, von puristischem und elementarem Formenvokabular, dabei leicht und witzig.

Oswald Oberhuber ist in der Nacht auf Freitag verstorben. Am 1. Februar wäre er 89 Jahre alt geworden.

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Dieser Text ist eine aktualisierte Version von Margareta Sandhofers Ausstellungsrezension zu Oswald Oberhubers Retrospektive im Belvedere 21 im Jahr 2016.

Abbildung: Oswald Oberhuber im Belevedere 21, 2016, Foto: Andreas Tischler

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