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Sensations. Closer to the People: Solidarische Hände

Es ist eine der wenigen aktuellen Ausstellungen, die den Zeitgeist so direkt anspricht: Sensations! Closer to the people - in dem 70 Kilometer von Wien entfernten Kunstverein Schattendorf, kuratiert von dem Wiener Künstler Siggi Hofer. Die Medien sind voller Sensationsmeldungen, egal ob zum Klimawandel, zur Gefährdung unserer Demokratie, oder der zunehmenden Spaltung unserer Gesellschaft. Die Reaktionen in der Kunstszene darauf bleiben da nicht aus. Schattendorf als geschichtsträchtiger Ort eignet sich dafür ideal. Hier geschah im Jahr 1927 die folgenschwere Ermordung zweier Unschuldiger, was nach dem Freispruch der Täter zum Justizpalastbrand und in weiterer Folge zum Bürgerkriegsjahr 1934 führen sollte.

Trotz ihrer dringlichen visuellen Aussagen erlaubt keine der hier präsentierten KünstlerInnen - Karolina Jabłońska, Luisa Kasalicky, Mario Kiesenhofer, Tomasz Kręcicki und Hermes Payrhuber  - nur eine eindeutige Lesbarkeit ihrer Werke. Die Arbeiten beziehen ihre Wirkungskraft zudem aus dem überlegten, abstrakten Schichten im Gesamtraum, das die Unsicherheit festigt, anstatt sie aufzulösen. Und so hängen die großen Bilder dezentral an der Frontwand, die Skulpturen stehen wackelig auf untypischen Podesten, als hätten sie sich hierher verirrt, diverse Bodenobjekte passen sich flüchtig wie exotische Teppiche den Treppen an. Projektionen schweben zukunftsweisend in die Höhe und es gibt außerdem noch die sprichwörtliche „Leiche im Keller“.

Kann eine Ausstellung als Ausdruck der Selbstorganisation zu alternativen Formen sozialer Bindungen führen? Von den Reden öffentlicher Repräsentanten hält man hier wenig, der Kurator bleibt diesbezüglich auch in der Deckung und Beschreibungen der Werke gibt man ebenso diskret im dunklen Wandwinkel bekannt. Umso größer dafür aber die Sensationen, von denen diese Ausstellung erzählt. Sensationen stehen für ein ungewöhnliches und aufsehenerregendes Ereignis, das zumeist von verstärkten Emotionen überwältig ist und durch omnipräsente Medien aufgegriffen und vermittelt wird. Die Ausstellung im ehemaligen Festsaal übernimmt bewusst diese Sendungsrolle, zelebriert die einzelnen Kunstwerke als etwas Außergewöhnliches und spielt gleichzeitig mit gefühlsbetonten Erinnerungen, die dem historischen Tanzraum anhaften.

Im Zentrum stehen aber nicht so sehr individuelle, sondern kollektive Weltbilder von Körpern und Objekten gleichermaßen. Auf den mit neon-warmen Signalfarben leuchtenden Gemälden sind, anstatt jenen, von der oberen Bildkante abrupt abgeschnittenen Gesichtern, zumeist heftige Handlungen wie Prügeleien, Selbstverteidigung und Weinen zu sehen. Oder aus den zeit-und ortlosen dunklen Hintergründen stechen bloß die klatschenden Hände dominant hervor. Das hypnotische Bild heißt Applaus. Freundlicher weil schützender gibt sich eine überdimensionale Hand aus Styropor, auf deren Innenfläche quasi Kurzbotschaften in Form von Icons projiziert werden.

Ungewöhnlich und comichaft in ihrer minimalen vertikalen Ausrichtung erscheinen aus vielerlei unterschiedlichen Socken aufgetürmte Skulpturen, die auf gebrauchten Kühltruhen in deren emporärer Funktion als Podeste stehen. Vielleicht sind die warm-kalt Kontraste, die an die derzeitigen extremen Temperaturschwankungen erinnern, ein Abklatsch der Reden vom Klimawandel. Die Zusammenstellung der Farben der Socken scheint nebenbei gewissen visuellen Codes aus der Vergangenheit Rechnung zu tragen. Was man nun aus gefundenen Objekten und industriell hergestellten Gegenständen kunstaffin und ohne spekulativen Drive anfertigen kann, sollte man auch im Subtext bemerken. Und wenn man außerdem die „fünfte Kolonne“ nicht vergisst, besucht man den& verlassenen Duschraum im Keller, in dem sich die Handtücher mit einem Rastermuster offensichtlich in Dampf verwandeln. It is a wonderful sensation. Unvergesslich. 

Sensations. Closer to the People
06.10 - 03.11.2019

Kunstverein Schattendorf
7022 Schattendorf, Baumgartnerstrasse 2
Email: kunstverein@schattendorf.com
http://kunstverein.schattendorf.com


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