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curated by_ Jon Bird - Alfredo Jaar: 1973: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

Im Rahmen des herbstlichen Galerienfestivals „curated by“, das sich heuer mit Fragen der Ciruculation beschäftigt, stellt Hubert Winter frühe Arbeiten des in New York lebenden Künstlers Alfredo Jaar aus.

Jaar, 1956 in Santiago de Chile geboren, lebte bis zum Ende seiner Studienzeit in seinem Heimatland, verließ 1982 die Diktatur Pinochets und lebt seitdem in New York.

Hubert Winter zeigt hier in Wien Arbeiten seiner frühen Jahre in Chile, die ganz unter dem Eindruck des gewaltsamen Militärputsches gegen Salvador Allende am 11. September 1973 stehen. Mit verschiedenen künstlerischen Mitteln wie Fotografie, Performance, Grafik versucht Jaar das gedämpfte Lebensgefühl im totalitären Faschismus einzufangen.

So stellte Jaar zwischen 1979 und 1981 die unerhörte Frage: „Es usted feliz?“- bist Du glücklich? - die er als Billboard an Kiosken oder Straßenuhren anbrachte. Eine wahrhaftige Antwort ist dem Betrachter unmöglich. Die Diktatur, in der die Menschen leben mussten, schließt eine ehrliche Beantwortung dieser Frage aus.

Eine weitere eindrucksvolle Arbeit sind sechs Pigmentprints aus dem Jahr 1973. Sie zeigen weite südamerikanische Landschaften und sind mit dem „Coke“ Emblem versehen. Die romantische schon fast kitschige Kalenderblatt-Idylle steht im Gegensatz zu der brutalen Niederschlagung des sozialistischen Modells in Chile am 11. September dieses Jahres. Das Coke-Logo kann dabei als Zeichen des amerikanischen Wirtschaftsimperialismus gesehen werden.

Die frühen Arbeiten von Jaar loten aus, was in einer Diktatur bemerkt werden kann und was nicht. Oftmals ist es ein unartikulierbarer Protest, der aber sehr laut werden kann.

So liegt der Arbeit „Telecommunication“ von 1981 eine Fotografie von Belfast zu Grunde, in der der Tod eines IRA-Häftlings durch Hungerstreik von Frauen durch das Klopfen von Mistkübeldeckeln auf der Erde betrauert wird. Jaar reiht sechs Deckel an unterschiedlichen Orten in Santiago de Chile auf. Einmal ist es ein Weg, dann Erde, ein andermal ein sandähnlicher Untergrund wo diese Deckel zu sehen sind.

Diese Zeichen indirekten Protests interessieren Jaar in dieser ersten Zeit in Chile. Aber auch darüber hinaus beschäftigt sich der Künstler mit Fragen der politischen Transformation. Mit dem parallel zum politischen Umbruch stattfindenden Einflussnahmen des Kapitalismus auf örtliche oder territoriale Politik. Und es interessiert den Künstler, wie sich Lebenszusammenhänge und -umstände dadurch verändern.

2019 war Jaar beim Edinburgh Festival vertreten und sprach vom gegenwärtigen Umbruch, in dem sich die Welt verändert. 2018 ließ er in Rom plakatieren: „The old world is dying. The new world is slow to emerge. And in their chiaschuro monsters are born“. Wir leben also nach Jaar in einem zeitgenössischen Chiaschuro, der Dunkelheit der Gemälde eines Caravaggio. Und aus der Dunkelheit gebiert der „Schlaf der Vernunft Ungeheuer“. (Goya)

Eine im letzen Raum der Galerie Winter zu sehende fotografische Arbeit schlägt die Brücke zum exilierten Jaar in Amerika. In einem Video, übergroß am Timessquare projiziert, behauptet er vor den Umrissen der Karte der USA: „This is not America“ und die letzte Sequenz zeigt die Landkarte Nord- und Südamerikas mit dem Schriftzug, „This is America“. Für Provokationen der amerikanischen Öffentlichkeit war 1987 gesorgt. In späteren Jahren wiederholte er diese Frage und auch dann ereilten ihn weitreichende Proteste.

Mit „A Logo for America“ von 1987 zeigte Jaar, dass er auch im Exilland weiterhin unbequeme Fragen stellt. In all den darauffolgenden Jahren hat er diese Fragestellung künstlerisch verfeinert und ausgebaut. Dem Kurator Jon Bird und Hubert Winter ist mit den frühen Arbeiten von Alfredo Jaar eine brisante Ausstellung gelungen.

curated by_ Jon Bird - Alfredo Jaar: 1973
13.09 - 31.10.2019

Galerie Hubert Winter
1070 Wien, Breite Gasse 17
Tel: +43 1 524 09 76, Fax: +43 1 524 09 76 9
Email: office@galeriewinter.at
http://www.galeriewinter.at
Öffnungszeiten: Di-Fr: 11-18h
Sa 11-14h


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