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Der Bruch mit der Geschichte

Zum 90. Geburtstag von Jürgen Habermas

Ästhetische Argumente sind weniger zwingend als andere. Ihnen mangelt es an der Universalisierbarkeit. So Jürgen Habermas, der heute seinen 90. Geburtstag feiert. Ästhetischen Argumenten, – wenn das Wort »Argument« in diesem Zusammenhang gerechtfertigt ist, denn ist ein ästhetisches Urteil, den Begriff, den Kant verwendete, ein Argument? – fehlt sicherlich auch die Skalierbarkeit. Ästhetische Formulierungen eignen sich nicht für eine mathematisch relevante Maximierung, die heute für die Meinungsbildung so wichtig ist. Kunst sichert sich indes eine Stellung, die wissenschaftlich und ergo algebraisch nicht erschließbar ist. Und obwohl über Kunst viel gestritten und verhandelt wird, ist sie für den Diskurs, den Habermas ins Blickfeld nimmt, nicht das geeignete Mittel. Ganz anders sah das übrigens Adorno. Jürgen Habermas vertraut auf die Sprache. Er sieht im Diskursiven die wichtigste Grundlage politischen und moralischen Handelns. Als gelingendes Projekt sucht der Diskurs die gleichberechtigte Meinungsäußerung aller. Er hebt die Verständigung hervor und weist im Gegenzug allgemein verbindliche Normen (wie die Ideologien) ebenso zurück wie selbstbestimmte, solipsistische Gesten (zu denen wohl auch Kunstwerke gehören). Der einzige Text, den Habermas über ein ästhetisches Gebilde verfasst, behandelt deshalb kein Kunstwerk im engeren Sinne, sondern ein Denkmal. Mit dem Denkmal ist ein geschichtswürdiges Zeichen angesprochen, das zwar in der Form eines Kunstwerks verwirklicht wird, aber aus einem geteilten politischen Selbstverständnis und dem Stand einer gemeinsamen Mentalität resultiert. Gerade in der Demokratie.

Der Text ist gut zwanzig Jahre alt (Die Zeit, 31. März 1999). Er heißt der »Der Zeigefinger«. Der Anlass ist ein Interview, das Martin Walser wenig zuvor einer Zeitung gab, in welchem er gegen das Holocaust-Mahnmal in Berlin, das damals in Planung stand, Stimmung machte. Nirgendwo auf der Welt gebe es ein vergleichbares “Denkmal der Schande”, sagte Walser. Das Gewissen würde durch ein “fußballfeldgroßes Denkmal” nicht wachgehalten, eher würde es mit “Porenverschluss” reagieren. Das ist griffig formuliert. Ein Argument gewürzt mit einer scharfen Prise Rhetorik. Doch Habermas hält dem Dichter seine gemäßigte, ja moderierende Sprache entgegen. Oder besser: er, der Denker, federt ab, in dem er Absicht, Sachlage und Alternativen geduldig darlegt. Polemik und Anfeindung, die Argumente, die keine sind, führen in die Irre, weil doch der Sinn des Diskurses (und eines Denkmals, das dafür steht) nicht in einem Ergebnis, sondern in vernünftiger Auseinandersetzung und in lebendigen Kontroversen zu finden ist. Es gehe um die Frage, so Habermas in unnachahmlicher Weise, ob die Bürger der Bundesrepublik Deutschland die historische Haftung für die Tätergeneration übernehmen. Und ob zum politischen Selbstverständnis das Element einer “gebrochenen nationalen Identität” gehören kann, eines Selbstverständnisses, das Verantwortung für “verirrte Denkweisen” der Vergangenheit übernimmt.

Das Denkmal in Berlin wurde schließlich errichtet. Peter Eisenman erfand ein Meer an bleiernen Kuben und Fugen. Der Diskurs ist manifest und Stein geworden. Doch wirken Maxime und Mentalität noch? In den zwei Jahrzehnten seitdem ist ein Nährboden für andere, aggressive Formulierungen entstanden, solche, die statt des Bruchs in der Geschichte, den Bruch mit der Geschichte betreiben. Befeuert von den Sozialen Medien, die fast jeden Diskurs skalieren, aber nicht moderieren und mäßigen, brechen immer neue Facetten der Polemik hervor und unterhöhlen die Kultur der besonnenen Sprache. Es bleibt zu hoffen, das Habermas’ vorsichtig optimistische Kultur, die die deutsche Nachkriegszeit prägte, nicht selbst zu einem Erbe wird, das nur in Denkmälern erinnert werden kann. Und auch die Frage, ob Kunst nicht doch zu mehr imstande ist, als nur bescheidene Beiträge für das Selbstverständnis einer Gemeinschaft zu liefern. Gerade im Zeitalter des Populismus.

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Abbildung: Holocaust-Mahnmal in Berlin, K. Weisser CC BY-SA 2.0 de

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