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Zwischen Maler und Anstreicher

Das Gesicht ist in Stein gemeißelt, aber es bröckelt. Der Blick ist nachdenklich, der Mund offen, die rechte Hand am Kinn. Das Antlitz tritt aus einem vertieften Fels hervor, daneben stürzen Wasser in smaragdgrüne Becken. Eine verkachelte Terrasse ragt über dem bizarren Canyon. Udo Jürgens, dessen Bruder bekanntlich Maler ist, wurde von einem anderen als Steinmonster modelliert. Inklusive weißem Klavier. Das alles ist mehr als überlebensgroß, so mächtig sogar, dass der brüchige Udo den Präsidentenporträts auf Mount Rushmore ähnlich wird. Im Unterschied zum steinernen US-Vorbild ist der Entertainer hier allerdings flach wie Lachs und ein Bild.


Die Kärntner Heimat widmet dem Song Contest-Gewinner eine 3-D Ansicht zur Erinnerung. Fast alle Besprechungen übernehmen das Wort “spektakulär” aus der Presseaussendung des Pyramidenkogels. Wer sich auf den schraubenförmigen Aussichtsturm bewegt, kann das Illusionswerk am Parkplatz ganzflächig sehen, das eigene Auto im Miniaturmaßstab und abgründige Facetten dazu. Bei guter Wetterlage noch das wirkliche Maria Wörth und den echten See. Wir kennen solche effektheischerischen Machwerke von blinden Fassaden, Mauerflächen und Shoppingmalls, die auf Belebung warten. Es sind Verschönerungsmaßnahmen, die die Schaulust in Gang setzen und die Selfie-Frequenz steigern sollen. Anders als beim Graffiti, das sich subversiv gibt, geht es hier um Irritationen im öffentlichen Auftrag und einen greifbaren Naturalismus, der gewissenlos das Künstlerische durch das Kunstfertige ersetzt. Was gibt es sonst darüber zu sagen? Nicht viel. Das Interessanteste an diesen begehbaren Bodenfreskos ist noch, dass sie genau an der Grenze zwischen Maler und Anstreicher gefärbelt sind. Eigentlich war es die Moderne, vor allem die fotografische, die den Blick von den Türmen in die Sehgewohnheit einbrachte, nicht als Fernblick oder Feldherrnhügelschau, sondern als Abstraktionsvorgang. Das Neue Sehen von Moholy-Nagy und Alexander Rodtschenko bevorzugte extreme Perspektiven, weil sich Gegenstände tendenziell zu abstrakten Gebilden umformen. Der Blick von oben blockiert ihre Tiefe. Aus Dingen werden anonyme Flächen.


In Kärnten geschieht genau das Umgekehrte. Aus einer Fläche wird eine illustrative Figur. Balustraden, Bassins und Felsstürze dienen als visuelle Verstärker vermeintlicher Verwirklichung. Der Maler Gregor Wosik ist ein Spezialist solcher Effekte. Führt er auch den Geschmack in den Abgrund? Wahrscheinlich, auf jeden Fall gehören Bilder wie diese zu den erfolgreichsten Stadtmarketing-Initiativen. Wohl frohlockt der Tourismusbeauftragte von Keutschach am See. Zugleich markiert das Bild, das planmäßig jedes Jahr durch ein neues Motiv ersetzt werden soll (wer mag der nächste sein? Peter Handke, Maria Lassnig, Jörg Haider, der Villacher Faschingsprinz?) den Übergang zur allgegenwärtigen Drohnenästhetik. Ohne die bewegte Flugshow kommt kein Vorspann zum Hauptabendkrimi, kein Werbeclip und bekanntlich kein Krieg mehr aus. Der Blick der Drohne zeigt realistische Abzüge und ist in seinem Verfahren trotzdem abstrakt. Ergo ist er eine Verschmelzung der Moderne und ihrer Leugnung. Übrigens, was kaum jemand weiß, nicht nur Jürgens’ Bruder ist ein Maler, ein gemeinsamer Verwandter ist auch Hans Arp, der herausragende Surrealist. Surrealismus ist wörtlich übersetzt die Kunst über dem Wirklichen. Arp betrieb sie auf hohem Niveau. Ähnlich wie Man Ray, der ein Portrait des Marquis de Sade anfertigte, genau vor 80 Jahren, als steinerne Riesenbüste vor der brennenden Bastille. Ob er auch Vorbild für den bröckelnden Udo Bockelmann war?

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