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The Future Starts Here: The Future Starts Here NOT!

Als wüssten sie, dass ihr ritualisierter Protest nicht recht passen will, demonstrieren Greenpeace-Aktivisten neben einem Auto vor sich hin, das sie auf den Bürgersteig vor dem Victoria & Albert Museum in London geschoben haben. Ihre Unmutsbekundungen wirken halbherzig und etwas zu routiniert. Was sie stört, ist nicht etwa, dass sich Volkswagen als Sponsor der Ausstellung "The Future Starts Here" zu sehr in den Vordergrund spielte. Sie fordern, dass der VW-Konzern endlich die Dieselproduktion einstellen solle. 

Das mag angesichts des nicht enden wollenden Skandals um die Dreckschleudern nicht nur dieses Konzerns durchaus angebracht erscheinen. Doch ausgerechnet hier haben sie sich vielleicht die falsche Gelegenheit ausgesucht. Denn es geht gerade VW mit seinem Beitrag in der Ausstellung um die Überwindung des Verbrennungsmotors und um die elektrische Zukunft des Individualverkehrs.

Sedric heißt der selbstfahrende Würfel, den die Wolfsburger hier zeigen. Vom Fetisch Auto ist da wenig übrig. Und selbst das gerade den Deutschen so heilige Eigentum am fahrbaren Untersatz sei kein Tabu mehr, erklärt Peter Wouda, der das Zukunftszentrum des Konzerns in Potsdam leitet. Auch mit dem Widerspruch der Demonstranten kann er sich arrangieren: "Ich brauche ja keine Leute, die das Bestehende reproduzieren, sondern welche die nach vorne denken und eigene Ideen entwickeln. Meine Hoffnung ist, dass die jungen Besucher durch die Ausstellung angeregt werden, um vielleicht später selber Designer zu werden und an den Lösungen der Aufgaben von morgen zu arbeiten."

Damit ist der deutsche Autokonzern deutlich weiter als einige andere der "100 Projekte, die die Welt von morgen formen" oder die Ausstellungsmacher, die aus dem Konzept des verstorbenen Martin Roth nicht allzu viel gemacht haben. Die Ausstellung bleibt im Museum, die Netzinhalte sind rudimentär; die Welt von morgen wird mit den Instrumenten von gestern vermittelt.

"Alle Beteiligten, die hier ein Projekt beigetragen haben, wollen die Welt zum Besseren verändern", erklärt eine Person aus dem Kuratorenteam. So viel offen zur Schau getragene Naivität verblüfft angesichts eines so anspruchsvollen wie kontroversen Themas. Sie erklärt dann zwar noch: "Wir zeigen hier Ideen, bei denen wir uns überlegen müssen, was ist und gut was ist nicht so gut." Doch – und das ist der eigentliche Vorwurf, den man der Ausstellung machen muss – an den Begleittexten scheint diese Offenheit für Kritik vollkommen vorüber gegangen zu sein.

Die Präsentation jeder in letzter Konsequenz noch so dystopischen Idee oder Erfindung erscheint in einem zukunftsgläubigen Licht, das man ansonsten aus den Magazinteilen der Micky Maus-Hefte der 50er und 60er Jahre kennt. Gegenargumente werden nur zum Schein angeführt. Wenn es etwa um schnell wachsenden Gen-Lachs für die Versorgungssischerung einer ansteigeneden Weltbevölkerung geht, wird lediglich darauf hingewiesen, dass manchen Menschen Genmanipulation vielleicht unheimlich ist, es wird jedoch mit keinem Wort darauf eingegangen, dass Lachszucht in industriellem Maßstab mit massiver Umweltzerstörung verbunden ist.

Wie in einem Panoptikum oder einer bizarren Werbeveranstaltung, einem Heizdeckenverkauf für Milliarden fühlt man sich in der vorletzten Abteilung, wo in einem eigenen Raum sämtliches Zubehör für Kryo-Konservierung – das Einfrieren nach dem Tod zur zukünftigen Reanimierung – präsentiert wird.

So tiriliert "The Future Starts Here" das Lied einer Zukunftsgläubigkeit, die im Silicon Valley nicht heiterer ausfallen könnte. In krassem Gegensatz dazu steht die irgendwie gestrig wirkende Präsentation: Das ganze elektronische Equipment, auf dem die multimedialen Inhalte gezeigt werden und das geradezu nach Interaktion schreit, darf nicht berührt werden. Und das in einem Mitmach- und Anfass-Museum, das sich doch so sehr um Volksnähe bemüht.

The Future Starts Here
12.05 - 04.11.2018

Victoria & Albert Museum
SW7 2RL London, Cromwell Road
Tel: +44 (0)20 7942 2000
http://www.vam.ac.uk
Öffnungszeiten: täglich 10-17.45 h, Mi 10-22 h


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