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Stadtgeflechte/City Fabrics: Findet Stadt

Mit nur vier Positionen verhandelt Kurator Walter Seidl in der Ausstellung „Stadtgeflechte” eine Reihe relevanter Themen, darunter: Architektur und Stadtentwicklung, leicht wahrzunehmende und verborgene Orte sowie die Arten von deren Benutzung durch Bewohner und Besucher. Eine schöne, kleine, klare Ausstellung, die vieles zu bedenken gibt. Themen werden angerissen und verweisen mehrschichtig auf implizite oder verwandte Angelegenheiten. Doch die gemeinsame Frage lautet, wie es um die limitierten, umkämpften heutigen Stadträume steht und welche Konzepte von Nutzen sind. Im Wechselspiel zwischen urbanem Raum und sich verändernden Anforderungen geht es um das Politische im Visuellen und nicht etwa nur um Architektur, sondern um jegliche Gestaltung, auch solche, die auf kontroversielle Stadtbenutzungen verweist.


Was das bedeuten kann, verrät die Fotoserie „Globalizing Protest“ von Oliver Ressler aus dem Jahr 2005. Sie zeigt Ansichten aus Städten zu Zeiten des G8-Gipfels, in denen ganze Straßenzüge entlang die Geschäfte zum Schutz vor Gegnern und Aktivisten temporär verbarrikadiert wurden. Darin manifestiert sich ein enormes Transformationspotential, nicht nur aufgrund der Barrikaden, die die Innenstädte völlig entstellten, sondern auch dadurch, dass die so entstandenen Wände als Trägermaterial für Parolen und Bilder des Protests dienten.


Auch der Film „IN-VISIBLE“ von Kamen Stoyanov führt Transformationsprozesse vor Augen, die durch Interaktionen entstehen. Im Zentrum eines Besuchs in Ljubljana standen die Begegnungen des Künstlers mit zwei Männern, die das Potential von Orten, respektive der Stadt Ljubljana, ausloten. Der eine, Taubi, ein Ex-Obdachloser, bietet eine außergewöhnliche „alternative“ Stadtführung zu Orten in Ljubljana an, die sonst niemals vorgezeigt würden, doch er präsentiert auch bekannte Orte, aber eben aus der Obdachlosenperspektive. Die Tour heißt „Invisible Ljubljana“. Der andere, der Bildhauer, Land-Art-Künstler, Geomant und Autor Marko Pogačnik, einer der wichtigsten slowenischen Künstler der 1960er- und 1970er-Jahre, verfasste einen alternativen Stadtführer für Ljubljana und praktiziert vielerorts die von ihm Mitte der 1980er-Jahre entwickelte Methode der „Lithopunktur“ zur Ausbalancierung von Orten und ganzen Landschaften mittels Setzungen von Steinen. Beide machen die Stadt mit neuen Augen sichtbar und präsentieren sie als beeinflussbar durch die Benutzung.


In „Un_formal Housing“ von Sabine Bitter und Helmut Weber geht es um ein bekanntes Wohnbauprojekt des Roten Wien nach Adolf Loos‘ Konzept „Haus mit einer Mauer“, das zwischen 1921 und 1924 unter Mitarbeit der späteren Bewohner als Mustersiedlung am Wiener Heuberg realisiert wurde, mit kostensparend aneinander gebauten, zweigeschossigen Wohnhäusern mit Flachdächern und kleinen Gemüsegärten. Damit reagierte die Stadtregierung auf die damalige Wohnungsnot, wandte sich aber bald darauf anderen Konzepten zu. In sechs Fotogrammen von filigranen kleinen Architekturmodellen abstrahieren Sabine Bitter und Helmut Weber die darin enthaltenen Ideen und werfen Fragen auf, nicht zuletzt diejenige nach dem Inspirationswert dieser Mischform aus formalem Architektenplan und informeller Umsetzung für heutige Konzepte zur Lösung ganz ähnlicher Probleme.


Zwei Acrylgemälde von Francis Ruyter handeln von Interaktionen innerhalb der Kunstszene als Alltagserscheinungen des großstädtischen Lebens. Nach Fotografien von zwei Podiumsdiskussionen in schablonenhafte Formen und bunte Farben umgesetzt, verfremden und vereinfachen die großformatigen Bilder diese fotografierten Alltagsszenen und geben ihnen einen beispielhaften Charakter, indem sie die Individualität der darauf zu sehenden Personen antinaturalistisch „verflachen“. Ruyter zeigt: Die Stadt ist auch ein bevorzugter Interaktionsraum für die Kunst und ihre Protagonisten.

Stadtgeflechte/City Fabrics
20.06 - 27.07.2018

Galerie ARCC.art
1070 Wien, Kaiserstraße 76
Tel: +43 1 956 03 41
Email: ahoi@arcc-art.com
https://www.arcc-art.com/
Öffnungszeiten: Di-Fr 12-18 h


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