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Hiwa K - Moon Calendar: Trauer als Resignation als ...

Unter dem Titel „Moon Calendar“ zeigt Hiwa K jetzt ausgewählte Arbeiten aus den letzten 11 Jahren im Kunstverein Hannover. Dazu eine neue raumbezogene Arbeit, die nicht nur die Qualität der eigenen Kunst radikal hinterfragt.


In den sieben Räumen des Kunstverein Hannover ist jetzt eine Zusammenstellung von Hiwa K's Arbeiten arrangiert, die man fast schon als Mid-Career-Retrospektive bezeichnen kann. So ist da etwa Hiwa K's Video „Moon Calendar“, 2007, zu sehen (dazu später mehr), und auch sein bekanntes, im Athener Teil der letzten Documenta gezeigtes Video „Pre-Image (Blind as the Mother Tongue)“, 2017. In dieser Arbeit geht der aus dem nordirakischen Kurdistan stammende Künstler zu Fuß durch für ihn unbekanntes Gebiet nach Europa und balanciert dabei eine Stange, an der diverse Spiegel montiert sind, auf seiner Nase und seiner Stirn. Zudem ist auch die Installation „It's Spring and the Weather Is Great, So Let's Close All Object Matters“, 2012, in der spannenden Ausstellung präsent. Die Arbeit besteht aus mit Musikinstrumenten und Mikrophonen ausgestatteten Leitern, die als Plattform für kritische Meinungsäußerungen dienen könnten und somit die Möglichkeiten individuellen Protests ausloten.


Im ersten und letzten Raumes dieses Parcours aber wartet dann die neue Arbeit, die diese Ausstellung besonders wichtig macht, die zweiteilige raumbezogene Installation „He Who Looks at the Sky Will Go Blind!“, 2018, nämlich. Ausgangspunkt dieser Installation ist das Schicksal von Ako, einem Freund des Künstlers aus Kindertagen, der in der 1990er Jahren während der Befreiungskämpfe der kurdischen Bevölkerung gestorben ist. Diese „Geschichte“ wird im ersten Teil der Installation aus der Sicht eines weiteren Freundes erzählt, im zweiten aus der Erinnerung von Hiwa K, jeweils in kurdischer Schrift auf dem Boden. Folien auf dem Fenster der beiden Räume sorgen dafür, dass das Sonnenlicht während der Ausstellung deutlich sichtbar wie eine Sonnenuhr – oder als „sun calendar“? – über den Text streift und so auf die Dauer der 40tägigen Trauer verweist, die in der kurdischen Kultur vorgeschrieben ist. Diese künstlerische Trauerarbeit setzt sich signifikant von Hiwa K's bisherigen Arbeiten ab. Im besagten Video „Moon Calendar“ etwa, der des Künstlers Erinnerungen an das irakische Gefängnis Amna Souraka, in dem Saddam Hussein politische Gefangene folterte, in Tanzschritte transformierte, überschreitet der Künstler das rein Symbolische der Kunst und stellt, wie in vielen anderen Arbeiten auch, eine konkrete Handlungsoption vor, mit der auf persönlich erfahrene Geschichte reagiert werden kann.


Nicht so in „He Who Looks at the Sky Will Go Blind!“, denn hier gelingt eine solche Transformierung nicht mehr – Hiwa K's Trauerarbeit verbleibt ohnmächtig im bloß Symbolischen. Mehr noch: Mit dem Satz „Derjenige, der zum Himmel schaut, wird blind“ hatte der getötete Ako einst Hiwa K ermahnt, als er einmal nicht auf den Boden (der Tatsachen) schaute, sondern (träumend?) in den Himmel, wie er es später dann in „Pre-Images“ ja auch getan hat. Dem Künstlersein und den damit verknüpften Hoffnungen auf politische Wirkung wird somit eine ernüchternde Absage erteilt, denn mehr als diese Blindheit traut Hiwa K der Kunst nicht mehr zu. Wie eine Klammer umschließt „He Who Looks at the Sky Will Go Blind!“ im ersten und letzten Raum des Kunstverein Hannover seine anderen Arbeiten und befragt somit deren Anspruch selbstkritisch – und womöglich resigniert?

Hiwa K - Moon Calendar
26.05 - 29.07.2018

Kunstverein Hannover
30159 Hannover, Sophienstraße 2
Tel: +49 511 32 45 94, Fax: +49 511 363 22 47
Email: mail@kunstverein-hannover.de
http://www.kunstverein-hannover.de


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