Werbung
,

Rauch und Stallgeruch

Man dachte eigentlich, es handle sich um eine aussterbende Spezies. Rauchen war ein verlässliches Attribut der Modernen. Blaue Schwaden waren Metapher für geistreichen Ausstoss und dunstige Gedankenfäden. Kaum ein/e Intellektuelle/r verzichtete auf das Sfumato eines rußigen Umgebungshimmels. Ohne Zweifel. Rauchen war Auszeichnung und Aureole. Besonders im Zeitalter von Schwarz-Weiss. Auch wenn ab und an Märtyrer zu beklagen waren. Unvorstellbar zum Beispiel Oscar Wilde ohne Zigarette, Sigmund Freud, detto Roland Barthes, Hannah Arendt und Jean-Paul Sartre. Auch Ford, Nixon, Mao, Helmut Schmidt und Saddam Hussein. Bertold Brecht maß die Qualität eines Theaterstückes sogar daran, ob ihm währenddessen die Zigarette ausging. Geht sie aus, ist es verdächtig. Denn wer vergisst zu inhalieren, der lässt sich vom Stück in Beschlag nehmen und verliert die nötige Distanz. Aktives Rauchen ist demnach Indiz für eine intakte intellektuelle Immunabwehr. Der Dunst steht für Wachheit, aber auch für Nachdenkpausen, tiefe Stimmlagen, unbürokratische Andersheit und fotogenen Glamour. Der Höhepunkt sind sicherlich die 1950er Jahre, in denen Rauchen am Steuer sogar empfohlen wurde, weil Nikotingenuss wach hält. Die Vorzeichen haben sich längst geändert. Rauchen ist schon lange nicht mehr cool oder angesagt, auch wenn einige wenige, wie der gewiefte Robert Pfaller, Minderheitenrechte und Genussfreiheit im Zeitalter politischer Korrektheit einfordern. Sein Argument: besonders die Wachen werden heute überwacht.


 


Und dennoch. Der gute Grund zur glimmenden Randständigkeit bröckelt. Die Moderne und ihre Kultklischees wirken abgeschmackt. Das Toxische ist hinreichend erwiesen. Hier eine Empfehlung zum Jahresabschluss für jene, die sich während der kommenden Tage das Rauchen abgewöhnen wollen. Angesichts der Entscheidung der neuen österreichischen Regierung sollte dies nämlich leichter fallen. Wer nun weiter raucht, ist nicht nur Anhänger von blauem Dunst und Epigone der Moderne, sondern fortan auch von blauem Stallgeruch. Ich unterstütze übrigens die Initiative der Wiener Ärztekammer zu einer Volksbefragung zum Thema. Es geht um ein generelles Rauchverbot in Gastronomiebetrieben, für das auch Sebastian Kurz eintrat, als er noch schwarz und Große Koalition war.


--
Abbildung: Hannah Arendt, Foto via The Vanderbilt Center for Digital Humanities


 

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Rauch und so ...
Lucas Gehrmann | 20.02.2018 03:36 | antworten
ich hatte was geschickt. wo ist es?

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2018 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige