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Döstädning

Kürzlich eröffnete das VALIE EXPORT Archiv in Linz. Mit Sabine Folie ist eine kundige Leiterin bestellt. Das sind gute Nachrichten. Auch Peter Weibel kündigte an, seine umfangreichen Archivarien der Universität für Angewandte Kunst in Wien zu überantworten. Diese Initiativen sind zu loben, denn Vorlässe in öffentlichem Besitz bedeuten dauerhafte Sicherung und wissenschaftliche Aufarbeitung. Leider gehören sie mittlerweile zur Ausnahme. Immer mehr Künstler_innen ziehen es vor, im Herbst ihres Mittelalters ihr Œuvre kommerziellen Institutionen zu überantworten. Zum Beispiel geschäftigen Galerien oder erwerbsorientierten Verwaltungen. Diese kontrollieren fortan nicht nur das Erbe, sondern auch Aufarbeitung und Ausdeutung. Ergo werden Schenkungen an öffentliche Museen seltener. Besonders für Österreich ist diese Entwicklung besorgniserregend, da Gelder für Neuerwerb kaum vorgesehen sind. Sammlungen sind immer weniger in der Lage, die Kultur jüngerer Gegenwart abzubilden.


Nun kommt eine neue Mode auf uns zu. Sie appelliert nicht nur an Künstler_innen und Prominente, sondern an alle über 50. Döstädning (Död =schwed. Tod, städning=aufräumen) nennt sich diese Welle und kommt aus Schweden. Man möge überflüssige Dinge Stück für Stück aussortieren, meint Margareta Magnusson. Es gehe darum, zu verteilen, was für das weitere Leben nicht mehr wichtig sei. Damit mache man sich eine Freude und den Verwandten posthum weniger Arbeit. Nach der Maxime: Ordnung schaffen bevor es die Hinterbliebenen tun. Mittlerweile ist die Mode des “Todesputzen” in den USA angekommen, - dort ist das Buch von Magnusson bereits erschienen.


Man kann das Döstädning als Großzügigkeit und Schenkungsgeste lesen, in der nicht nur Kunst, sondern auch Krempel zum Vorlassgut werden. Man kann darin eine antikapitalistische Rcyclinginitiative sehen, die wertlose Dinge wieder den Gebrauch zurückführt, um zu verhindern, dass die Lebenswelt mit neuem Schrott vermüllt wird. Die Autorin argumentiert aber weder wirtschaftlich noch aus einer Sorge um die Umwelt, sondern - wie könnte es anders sein in Beratungsliteratur - psychologisch. Das Leben fühlt sich einfach besser an, wenn man seine Lieben beschenkt, meint Magnusson. Es sei stressfreier und komfortabler. Was im Leben wichtig und ob dies ein gutes war, ist laut dem amerikanischen Philosophen Thomas Nagel mit dem Tod allerdings nicht geklärt. Es entscheidet sich auch an den persönlichen Hinterlassenschaften. Und hier wird es problematisch. Obwohl das finale Ausmisten - anders als die dänische Hygge - nicht direkt vom Markt verwertbar ist, ist es dennoch fragwürdig. Denn Döstädning bedeutet, im Aufmerksamkeitswettbewerb ethisch zu punkten, und vor allem, die Deutungshoheit über das eigene Leben zu gewinnen. Abgesehen davon, dass mit dem eigenen Verworfenen andere belastet werden, die die freundliche Zuwendung nicht einmal entsorgen können. Ein ich-zentriertes Geschenk also mit noch dazu morbidem Namen.



Margareta Magnusson: The Gentle Art of Swedish Death Cleaning, How to Free Yourself and Your Family from a Lifetime of Clutter, Canongate Books, 2017


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Abbildung: Frans Francken der Jüngere: (1581-1642): Der geigende Tod, (Tod und Kaufmann), Historisches Museum Frankfurt am Main

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