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Unwägrentabilität

Die Serie der Überlegungen, die hier in loser Folge als Causerie du Lundi veröffentlicht werden, sind von einer Unterstellung motiviert. Der Verdacht, der den Essays als Impuls vorangeht, sieht die Bilder mit einem Nebensinn belastet. Bilder stehen in Bewertungszusammenhängen, die niemals ohne Nebenabsichten erfolgen. Wer will, könnte von einer “Unwägrentabilität” sprechen, wenn diese Worterfindung erlaubt sei. Unwägbar sind Bilder, weil es für sie kein Richtmaß gibt, weder ästhetisch, noch politisch oder moralisch. Eine Rentabilität kommt jenen zugute, die Deutungshoheit und/oder Verwertungsrechte über sie erlangen. Auch das Museum oder die Ausstellung, die eigentlich als Freiraum und unabhängiger Geltungsbezirk für die Kunst gelten, räumen Bildern eine Eigenständigkeit nur ein, um diesen Aspekt am gekonntesten zu verbergen. Der White Cube ist - das ist hinreichend bekannt - niemals wertneutral. Vielmehr dient der Kunstraum der Vorspiegelung einer selbstbezüglichen Innenwelt und taktisch klugen Kalmierung, um die Kalamitäten der Außenwelt und ihren Geschäftssinn auszusperren. Doch waltet im Schutzbedürfnis unverkennbar eine Dialektik. Was als Wirkung rein werden will, ist in Wahrheit von seiner Unreinheit überzeugt. Als einer der ersten Texte, die eine solche Umkehrung entdeckt, darf die Analyse des Bamberger Reiter von Berthold Hinz gerechnet werden. Der Text, der vor bald fünfzig Jahren erscheint, versucht Faktoren von Vereinnahmungen festzuhalten. Kunstgeschichte ist für Hinz Textanalyse ihrer eigenen Hervorbringungen. Sind nicht in den Antworten auf die ikonografische Unbestimmtheit des Reiterstandbilds (Wer ist der Dargestellte?), auf stilistische Ähnlichkeiten (zum Königsportal in Reims) und der Blick des Reiters (gegen den Osten, die Ferne und das “Reich der Slawen”) bereits Grundmotive von Deutungen, die sich kunsthistorisch geben, jedoch ideologisch gefärbt sind? Nicht umsonst erscheint der mittelalterliche Kopf 800 Jahre später auf einer Geldnote. Gerade im Zeitraum von 1900 bis in die 1960er Jahre zeigen sich gesellschaftliche Dünkel, poetisch verhüllter Chauvinismus und Deutschtümelei. Ähnlich entlarvt auch Martin Warnke in dem Tagungsband: Das Kunstwerk zwischen Wissenschaft und Weltanschauung, Gütersloh 1970 eine Reihe von fragwürdigen Deutungsschemen. Bilder werden in den Himmel gelobt. Mit diesen Strategien wird das Kunstwerk mit der Immunhaut des Unüberbietbaren versehen und das Prestige der Laudatio springt auf den Redner über. Gerade der rhetorische Höhenzug deutet aber auf uneingestandene Schwäche. Dies betont auch Hinz, indem er als den Gegenstand seiner Forschung nicht das Werk betrachtet, sondern den “Reiter” als “transzendentalen Gegenstand” (ebda S. 26).


Eine Erforschung und Kritik von Wirk- und Wertbelastungen sollte nicht so weit gehen, in Bildern transzendentale Größen zu sehen. Sie sollte aber in der Lage sein, vermeintliche Nebenschauplätze als ideologische Beipackzettel zu entlarven. Es ist das Kleingedruckte, das am Ende die Wirkung prägt. Das gilt besonders heute. Bilder verschaffen demjenigen, der sie mit seiner Bedeutung belehnen kann, entsprechenden Gewinn. Und erst dann, wenn sich ihre Sujets auf Handtaschen, Bonbonboxen oder Geldscheinen wiederfinden.

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