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Jürgen Klauke - Klauke der Zeichner: Prekäre Lust

Kennt man Jürgen Klauke bislang vor allem als Pionier der Body-Art und Performance, der seit den 70er Jahren seine kritische Haltung gegenüber gesellschaftlichen Konventionen, überkommenen Denk- und Bildvorstellungen in einprägsamen, inszenierten Fotoarbeiten und fotografischen Tableaus festgehalten und darin den heute aktuellen Diskurs in vieler Hinsicht vorweggenommen hat, so stellt nun die Galerie Thoman in Wien mit Auszügen aus seinem zeichnerischen Werk eine essenzielle Ergänzung auch der eigenen Abfolge der Klauke–Ausstellungen vor. Denn jener bedingungslose, provokante und zugleich poetische Reflex, den Klauke den Unzulänglichkeiten des menschlichen Daseins entgegenstellt, gründet in einem diskursiven, sich gegenseitig vorwärtstreibenden Bezug zwischen Zeichnung, Fotografie, Installation und Performance.


Der menschliche Körper und seine sexuelle Befindlichkeit stehen im Zentrum dieses vielschichtigen Werks, das einen Gegenentwurf zur sogenannten Realität als einen Aktionsraum formuliert, in dem das Medium der Zeichnung nicht nur als eine ebenbürtige autarke Handlungsform auftritt, sondern auch als Katalysator der anderen. Die bildlichen Freiheiten der ungezwungen zu Papier gebrachten Zeichnung ermöglichen eine Steigerung der in Klaukes Werk stets anzutreffenden Vieldeutigkeit: Seine grundsätzliche Skepsis gegenüber menschlicher Bedingtheit und das Bekenntnis zu einer daraus resultierenden prekären emotionalen Verfasstheit werden in präzisen, pointierten Setzungen surrealer Bildfindung zu einer dringlichen Komplexität verdichtet.


In der aktuellen Ausstellung bei Thoman werden Serien von Zeichnungen zwischen 1970 und 2012 präsentiert. Die jeweilige Blockhängung verdeutlicht die Intimität, in der die tagebuchartig gefertigten Zeichnungen entstanden sind, und zugleich die Intensität der Auseinandersetzung. Den den großformatigen farbigen Gouachen von 2003 bis 2007 wird jener Raum großzügig beigemessen, den sie beanspruchen. Stehen Anfang der 70er Jahre in den Zeichnungen noch Unterdrückung und Zwang im Vordergrund, gegen die sich eine unerhörte Lust an Sexualität kraftvoll und exzessiv in schönliniger Überhöhung aufbäumt, zeigen die folgenden Jahre eine freiere Selbstbehauptung von erotisch-sexuellen Handlungen. Gepeinigter Zynismus weicht zunehmend distanzierter Ironie und lustvollem Humor. Praxis und Wunschvorstellung werden in grotesken Transformationen des menschlichen Körpers eins, weiblich und männlich verschmelzen, Geschlechtsorgane mutieren zu handelnden Wesen, sind zu ambivalenten Identitäten umgeformt – selbstbestimmte Metamorphosen im sexuellen Akt.


1972/73 nutzt Klauke für seine Tageszeichnungen ein Kassenbuch als Zeichengrund, setzt darauf anarchistische Zeichnungen von agierenden Wesen aus kombinierten Körperfragmenten, die jeder Logik eines naturgemäßen Abbildens widersprechen. Der Raster des Bildträgers, ursprünglich Instrument von Norm und Ordnung, verstärkt die Vehemenz der Provokation und Auflehnung gegen oktroyierte Reglements.


In den Tageszeichnungen „Sekunden“ (Sexualität-und-oder-als-Gewalt) von 1975/76 setzt Klauke das virulente Spannungsverhältnis zwischen männlich und weiblich ironisch, doch auch humoristisch in Szene, spielerisches Requisit ist ein Revolver, der das Spiel der Macht in der sexuellen Begegnung pointiert unterstreicht.


Schon in der Serie Ziemlich (1979-1981) deutet sich eine Entwicklung an, die sich in den Körperzeichen – Zeichenkörper – II (2012/2013) manifestiert. Die Dynamik verlagert sich vom ablesbaren detailfreudigen Handlungsakt zunehmend auf das Wechselspiel von Linien und Flächen, die sich verselbständigen und zu prägnanten Setzungen formatieren. Das hierarchische Prinzip von Figur und Grund ist aufgehoben, schwarze und weiße Flächen erscheinen in Spiegelungen und Überlagerungen, worin sie sich invertieren und zugleich vieldeutig ergänzen. Das Dargestellte kippt in einem Oszillieren zwischen räumlichen Dimensionen ins Zeichenhafte. Physisches und Psychisches, Abstraktion und Abbildung spielen sich ineinander verschlungen gleichzeitig ab. Klaukes Ästhetisierung des Existenziellen [1] ist in dieser Formalisierung besonders ausdrücklich formuliert, der Individualität entzogen und auf eine Metaebene gehoben, abgekoppelt von der Person und letztlich von Raum und Zeit. Diese Doppelbödigkeit findet sich auch in den Gouachen. Die strahlenden Mischlinge [2] leuchten auf dem Bildgrund, das ganze Blatt steht in einem farbigen, poetischen Fluidum, das die Kategorien von Körper, Raum und auch Leere in sich auflöst.


Prekäre und zugleich lustvolle Zuständlichkeit und Befindlichkeit flackern in Klaukes Pantheon hybrider Mischwesen, einem Werkkomplex, der in seiner Brisanz schockiert und fasziniert. Klaukes markante provokante Kraft tritt in seiner Zeichnerei [3] unmittelbar und ursprünglich zu Tage – In surrealer Formfindung wird menschliche Realität in radikaler Direktheit veranschaulicht.


 


[1] Zitat Jürgen Klauke nach Achim Sommer. In: Jürgen Klauke – Selbstgespräche, 2016, Seite 8.


[2] Zitat Jürgen Klauke, Pressetext Galerie Thoman.


[3] Zitat Jürgen Klauke, ebenda.

Jürgen Klauke - Klauke der Zeichner
11.11.2017 - 27.01.2018

Galerie Elisabeth & Klaus Thoman
1010 Wien, Seilerstätte 7
Tel: + 43 1 512 08 40
Email: galerie@galeriethoman.com
http://www.galeriethoman.com
Öffnungszeiten: Di-Fr: 12-18h
Sa: 11-16h und nach Vereinbarung

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