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Gerhard Rühm: Aufstand gegen den Gruppenzwang

Als Gerhard Rühms sämtliche Wiener Dialektdichtungen in den 1990er Jahren publiziert wurden, war dieses literarische Großereignis der damaligen österreichischen Presse nicht eine einzige Meldung wert. Zu radikal schien sein Kampf gegen die Sprache, man glaubte anscheinend ihn übersehen zu können. Nun kann man sein facettenreiches Werk in der Mitte Wiens besichtigen. Bei solch einer Visite werden wahrscheinlich selbst Kenner seines Oeuvres überrascht werden. Denn der Künstler wird immer wieder allein durch den Rückblick auf seine Mitgliedschaft bei der „Wiener Gruppe“ wahrgenommen. Nicht so hier, denn das Kunstforum Wien zeigt auch Werkzyklen, die man in den letzten Jahren kaum zu sehen bekam. Neben diesen findet man an den Wänden verständlich geschriebene Erklärungstexte, die ohne pseudophilosophische Worthülsen auskommen. Die Texte beschreiben, welche Methodik Rühm für die jeweilige Werkgruppe entwickelt hatte. Dabei erinnern sie fast schon an Handlungsanweisungen von Tristan Tzara. Will man diese Methoden ausprobieren, so bietet einem die Ausstellung reichlich Möglichkeit dazu. In einem Raum steht ein Klavier, auf dem man drei Minuten frei spielen kann, und in einem anderen Raum findet sich ein Tisch, auf dem man verschiedene Methoden der Kunstproduktion selbst ausprobieren darf.


Schnell bemerkt man eines: Rühm ist ein Reduktionist, er verwendet seine Materialien so sparsam wie möglich. Dies war schon immer Teil seiner Methode – mit einem Minimum vom Mitteln zu arbeiten. Kein Gold, kein Marmor sondern Dinge, auf die jede Person Zugriff hat. Seine Materialien sind gefundene Fotos, Zeitungsausschnitte und die fast immer präsente Schreibmaschine.


Dennoch kann man ihn kaum als „Minimalist“ abtun, zu expressiv ist sein Strich. In seinen Collagen kann man die Klebestellen sehen und bei seiner Arbeit „Österreichischer Alt- und Neonazimarsch (Ära Waldheim) für Hackbrett und Vergaser!“ hat sein Bleistift sogar das Papier mancherorts zerrissen.
Nie versuchte er sich an einen puritanischen Kunstgeschmack anzubiedern, sieht man doch immer wieder nackte Körper, Geschlechtsteile und sexuelle Interaktionen in seinen Werken. 


In den Fotomontagen, die er „autoerotische Konzentrationsbilder“ nennt, zerteilt er erotische Photographien und setzt sie solcherart zusammen, dass die Betrachter das Bild im Kopf wieder zusammen bauen müssen. Es wird ein gehöriges Maß an ideologischer Verblendung benötigt, will man Rühm deswegen absprechen, richtungsweisende Kunst zu machen. Sexualität ist ein immer wiederkehrender Topos der Kunst, der immer dann angegriffen wird, wenn die Bilderstürmer der jeweiligen Dekade die Freiheit der Kunst einschränken wollen.


Die Relevanz seines Oeuvres ist der Beweis, dass die gerade aktuellen Reinheitsgebote immer nur eines sind - eine Modeerscheinung. In einer Zeit, in der Kunst immer glatter und ebener wird, gleicht Rühms methodische Widerspenstigkeit schon fast einem Leuchtturm für die Freiheit der Kunst.

Gerhard Rühm
04.10.2017 - 28.01.2018

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