Stachel der Gesellschaft?
Goschka Gawlik, 20.09.07
Der Begriff der Provokation erfreut sich wieder einmal einer Konjuktur. Es geschehen, nicht nur in der Kunst, sondern auch im Sport sowie auch in der Politik Handlungen, die Außenstehende als Provokation empfinden. Als Meister der Provokation erwies sich Materazzi gegen Zinedine Zidane, als gezielte Provokation bezeichnet man die US-Pläne für Raketenabwehr in Osteuropa. Einige neigen wiederum dazu, das Phänomen der bewussten Provokation mit Terror gleichzusetzen. Provozieren bedeutet jedoch nichts Schlechtes an sich und sollte eigentlich die lebendige Perforation des Status Quo herbeiführen. Nicht umsonst präsentiert der diesjährige Documenta-Chef sein Ausstellungskonzept seinen Kritikern gegenüber mit dem Argument der "Lust an der Provokation" gegen "ältere Männer". Ist Provokation der Stachel der Gesellschaft? "Provokationen werden nur selten untersucht, weil die Quellen fast stets ungenügend und verfälscht sind... " liest man im globalen Netz (Wikipedia).
Die Fotogalerie im Wuk hat sich zur Aufgabe gemacht, dieses Phänomen in einer Ausstellungsreihe Provokation? "nach dem inhaltlichen wie formalen Reiz-und Provokationspotential zeitgenössischer künstlerischer Positionen" zu untersuchen. Sie zeigt Arbeiten von sechs KünstlerInnen, die zum Nachdenken über Sinnkrise dieses Begriffes einladen. Ins Visier geraten dabei Kunstwerke, die sowohl provokativ als auch vorweigend kontroversiell erscheinen.
Im Eingangsbereich begegnet man einer dunkel bedrohlichen Fotoserie von Giovanna Torresin, die das historisch überlieferte Bild der Frau als "Madonna mit Kind" digital manipuliert. Die unter verschiedenen Rüstungen versteckten Gesichter der Madonnen stellen die Frage nach der Rolle der Religion und des Priestertums in unserem Leben. Bringt uns die Religion Liebe, Schutz und Frieden oder eher Krieg und Inquisition? Ambivalent erscheinen auch die Fotografien des aus der Ukraine stammenden Sergey Bratkow, in denen immer und überall Blut fließt, auch wenn es sich dabei bloß um den Verzehr von Marmelade oder Suppe handelt. Aggressive Handlungen wie z.B. das Töten des Vaters durch sein Festnageln an einer Wand sind Fiktionen, die Traumata der vergangenen kommunistischen Realität widerspiegeln. Neben solchen sozialen und religiösen Kontroversen stellt das Video Birth of Love von Adel Abdessemed zur Abwechslung ein Bespiel eines fomalen Spiels, das durch die Veränderung der Größe des aufgenommenen realen Bildes das Gefühl der Abscheu herausfordert.
Aus der Welt der Märchen und Träume stammen dagegen die Foto- und Videodokumentationen der Performances der brasilianischen Künstlerin Roberta Lima. Sie kleidet sich wie ein Prinzeschien und läßt ihren Körper an verschiedenen Stellen langsam, systematisch mit großen Nadeln durchstechen. Der vermeinte psychische Schmerz der Akteurin wird in das physische Unwohlgefühl des Betrachters umgewandelt. Iritierend ist dabei, dass die Künslerin während der Aktion oft lacht. Die Ausstellung schließt mit Gewaltszenen aus diversen Filmen gesampelt von Oliver Pietsch. Der Autor dieses Videos schaut sich angeblich zu viele Spielfilme an, denn es gelingt ihm nicht, die Gefühle der Macht und Ohnmacht zu vermitteln, es bleibt nichts anderes als eigene Nachbilder des Gesehenen oder das Ereignis von reinen Halluzinationen.

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Fotogalerie Wien
Provokation? II
04.09.2007 bis 03.10.2007

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